Muss eine Yogahaltung bei allen gleich aussehen?

In einer meiner letzten Yogastunden kam eine Frage zum heraufschauenden Hund, Urdhva Mukha Svanasana, auf: Müssen Oberschenkel und Becken dabei vom Boden abgehoben sein? In der klassischen Ausführung ist das tatsächlich so. Die Frage dahinter finde ich aber viel interessanter: Muss eine Yogahaltung bei jedem Menschen gleich aussehen?

Ich bat meine Teilnehmerin, mir ihren heraufschauenden Hund zu zeigen. Sie hob Oberschenkel und Becken vom Boden ab, ihre Arme waren aktiv und gut ausgerichtet. Bevor ich etwas veränderte, fragte ich sie: Wie fühlt sich die Haltung für dich an? Spürst du Druck oder ein unangenehmes Gefühl im unteren Rücken?

Nein. Für sie fühlte sich die Position stabil und angenehm an.

Ich nahm lediglich eine kleine Anpassung an ihren Schultern vor. Ansonsten gab es für mich keinen Grund, ihre Haltung zu verändern.

Die Form ist eine Orientierung – nicht das Ziel

Natürlich gibt es für eine Asana eine klassische Ausführung und bestimmte anatomische Prinzipien, an denen wir uns orientieren können. Das bedeutet für mich aber nicht, dass jeder Körper exakt dieselbe Form erreichen muss. Unsere Körper unterscheiden sich. Beweglichkeit, Proportionen, Kraft, Erfahrungen und auch mögliche Einschränkungen sind individuell. Deshalb gehört für mich zur Yogapraxis nicht nur die Frage: „Wie sieht meine Haltung aus?“ Mindestens genauso wichtig ist:

„Wie fühlt sie sich an?“

Spüre ich Stabilität? Kann ich ruhig atmen? Entsteht irgendwo unangenehmer Druck? Was verändert sich, wenn ich meine Position ein wenig anpasse? Das bedeutet nicht, dass Ausrichtung unwichtig ist. Im Gegenteil. Eine gute Ausrichtung kann uns helfen, eine Haltung kontrolliert und sicher auszuführen. Aber sie sollte mit der eigenen Körperwahrnehmung zusammenspielen.

Sthira-sukham-āsanam

Im Yoga-Sutra von Patañjali findet sich der Satz „Sthira-sukham-āsanam“ – eine Haltung soll stabil und zugleich angenehm sein.

Ursprünglich bezieht sich dieser Satz auf die Sitzhaltung in der Meditation. Ich finde den Gedanken aber auch für unsere heutige Asana-Praxis wertvoll. Wir müssen unseren Körper nicht in eine vermeintlich perfekte Form zwingen. Wir können lernen, genauer hinzuspüren, kleine Anpassungen vorzunehmen und herauszufinden, was in diesem Moment für den eigenen Körper angemessen ist.

Genau diese Aufmerksamkeit möchte ich auch in meinen Yogastunden vermitteln. Denn manchmal ist die wichtigere Frage nicht:

„Mache ich die Haltung richtig?“ Sondern: „Was nehme ich gerade wahr?“